Sonntag, September 26, 2004

Meine Unterkünfte

Schande über mich, seit dem letzten Post ist es schon eine Weile her. Der eine oder andere fragt sich vielleicht, wo ich denn hier unterkommen. Also ich wohne bei den Familien von AIESECern. In Brasilien ist es absolut üblich, dass Studenten bei ihren Eltern wohnen. Im Grunde ziehen die Kinder nicht aus, bis geheiratet wird oder aus Studien- bzw. Jobgründen die Stadt gewechselt werden muss. Für die Studenten ist das aber alles kein Problem, weil sie zuhause sehr viele Freiheiten und Annehmlichkeiten haben. Offensichtlich ist es Standard ein Dienstmädchen zu haben, was einem die Mahlzeiten kocht, Wäsche erledigt, das Zimmer aufräumt. Eine eigene Wohung zu mieten ist bei der Knappheit in Rio nicht unbedingt günstig also arrangiert man sich hier prima mit der Situation und verspührt nicht unbedingt den Drang nach Unabhängigkeit. Für mich ist die Sache auch sehr cool, denn so bekomme ich wenigstens viel vom Familienleben mit. Ohhh, und diese Familien können gross sein. Aber mehr dazu in einem späteren Kapitel.

Bei Luciana bin ich nur zwei Tage zum eingewöhnen geblieben und wegen Besuch von Bekannten kein Platz mehr in der Wohnung gefunden hat. Also bin ich zu Julia in den Stadtteil Leblon gezogen, das liegt gleich neben Ipanema. Vor 10 Jahren war Ipanema der teuerste Immobilienmarkt der Welt und auf dem Strand treffen sich die reichen und schönen Rios, zusammen mit tausenden Touristen aus aller Welt. Leblon ist eigentlich genauso, nur ohne die vielen Touristen und Hotels, was die Gegend bedeutend gemütlicher macht. Bei Julia, die selbst schon mal ein paar Tage in Deutschland war, sind die Eltern auf einer Reise in den Amazonas gewesen und nach ein paar Umorganisationen konnte ich ein Zimmer haben. Nach deren Rückkehr wurde es leider etwas eng und ich bin zu Elo nach Gávia gezogen.

Gávia liegt widerum gleich neben Leblon und ist auch eine sehr sehr schöne Nachbarschaft, leider ohne eigenen Strand. Dank der Tatsache, dass hier die Studios von GLOBO TV, dem grössten Fernsehsender Brasiliens, liegen, wohnen die Stars und Sternchen aus den berühmten Telenovelas (Seifenopern, die hier unwahrscheinlich verehrt werden) in meiner neuen Nachbarschaft. Dummerweise kenne ich die Novelas oder deren Darsteller nicht, weswegen ich hier nicht fanatisch schreiend durch die Strassen renne, wenn ich die Promis sehe ;-) Cariocas (Einwohner Rios), kratzt es im Grunde auch nicht, wenn sie einem Star begegnen, weil sie einfach alle hier sind und es nichts besonderes darstellt. Ach ja, welch herrliche Paralelle zu der Gleichgültigkeit der Berliner, denen es meist auch wurscht ist, wenn die Promis am Hackeschen Markt gesehen werden wollen.

Mein derzeitiges Apartmenthaus ist sehr edel ausgestattet. Natürlich auch wieder mit riesigen Sicherheitszäunen und zur Abwechslung mal mit aufmerksamem Wachleuten. Es ist für mich nicht immer leicht, das Haus sofort zu betreten und zu Wohnung zu kommen, aber mittlerweile kann ich mich schon ganz gut ausdrücken, bzw. die Leute kennen den blassen Gringo der im Haus wohnt. Ohhh, und hier gibts auch so nette Annehmlichkeiten wie Swimmingpool, Grillplatz, eigene Bar fürs Haus... also ich beschwer mich echt nicht.

Einen knappen Kilometer von meinem Haus entfernt beginnt bereits Rocinha, die grösste Favela (=Slum) Südamerikas. Das ist nicht weiter bedrohlich, denn der krasse Kontrast von Arm und Reich ist in Rio alltäglich und führt zu extremen Kontrasten. Es wird als ganz normal angesehen, wenn die mit Abstand ärmsten Menschen nur ein paar Meter von den Reichen entfernt sind. Hab hier schon sehr viele interessante Sichtweisen über dieses Zusammenleben kennengelernt und werde bald mal mehr darüber schreiben.

Donnerstag, September 09, 2004

Busfahren in Rio

Transportmittel Nummer 1 in Rio ist der Bus. Wenn man hier an einer halbwegs belebten Strasse steht, dann kommen gleich 20 Busse pro Minute an einem vorbei... oh, was für ein Traum für jemanden, der aus einer BVG kontrollierten Stadt kommt. Aber halt! Welchen davon kann man nehmen? Wo fahren diese Busse hin? Wie lange dauert es damit um ans Ziel zu kommen? Wann kommt der Bus, den ich brauche? Normalerweise würde ein kleiner Routenplan helfen, aber sowas gibt es nicht. Einzige Chance um rauszukriegen wo es hin geht ist die Hinweistafel am Bus. Wenn die Busse aber mit 70 Sachen in der zweiten Spur an einem vorbeirasen und nur zu einem kommen, wenn man sie ranwinkt, dann kann das schon etwas Konzentration erfordern. Naja, im Lonely Planet steht, dass man sich im Zweifel einfach reinsetzen soll, irgendwie fahren sie alle die selben Gegenden ab. Okay, ich verlasse mich doch lieber nicht auf mein Glueck und starre weiter auf die Schilder. Aber auch hier kann man schön verarscht werden. Ein Beispiel meines kleinen Missgeschicks am 3. Tag in Rio: ich will morgens ins AIESEC Büro an der UFRJ (Universidade Federal do Rio de Janeiro) fahren. Ich weiss, dass mein Weg über Ipanema, Copacabana und Botafogo führt. Genau diese Kombination steht auch am Bus, selbst UFRJ ist angezeigt. Perfekt! So schwer ist es ja doch nicht. Nach einer guten Stunde Busfahrt wundere ich mich aber schon über die Gegend und frage den Ticketverkäufer (so einer sitzt neben dem Fahrer auch in jedem Bus) in mehr oder weniger gutem Portugiesisch, ob das denn noch der Weg zur UFRJ sei. Nicken und grinsen von dem Typen lassen mich in Sicherheit wägen. Nach einer knappen weiteren Stunde und einem deutlichen sozialen Abstieg der Gegend wurde ich dann aber doch misstrauisch und auf meinem Stadtplan deutete es sich gar nicht mehr an, als dass der Bus an meine Uni fahren wurde. Als ich den Ticketmenschen nochmal frage, stellt er auf einmal fest, dass ich nicht im richtigen Bus bin und es doch jetzt ein guter Zeitpunkt waere auszusteigen. Wie schön. Und somit war ich ausgesetzt in Maracaná. Hier gibts das grösste Fussballstadium der Welt, alles andere verdient aber keine Superlative. Die Häuser sahen schon sehr mitgenommen aus und es waren kaum Menschen auf der Strasse zu sehen. Hab ein paar Tage vorher auch nichts gutes hierrüeber im Tagesspiegel gelesen. Argh! So leicht mulmig war mir nu doch schon. Glücklicherweise war gleich eine U-Bahn Station in der Nähe und ich musste nicht wieder nach einem passenden Bus suchen um schnell von hier wegzukommen...
Aber wie konnte ich nur hier herkommen? War ich zu dumm zum Schilder lesen? Nicht ganz, denn auf dem nach unten verrutschten Schild stand nicht UFRJ sondern UERJ -- hey, das ist ne andere Uni! Prima, prima, wieder was dazugerlernt.
Wenn es eine Berufsgruppe gibt, auf die die Leute hier am meisten schimpfen, dann sind es die Leute im Bus. Vor allem diese Ticketmenschen sind extrem wegen iher Unfähigkeit verrufen. Sie geben keine richtigen Auskünfte und stimmt das Wechselgeld nicht - wenn sie überhaupt wechseln. Obwohl ich ja jetzt auch von so einem hinters Licht geführt wurde, so beneide ich sie aber nicht um ihre doch sehr stumpfsinnige Arbeit. Nach 10 Stunden rumfahren im Bus und nervigstem Verkehr würde ich aber auch nicht mehr klar denken oder freundlich bleiben können. Die Busfahrer hingegen bewundere ich allerdings sehr! Sie sehen aus weitester Enterfernung, wenn sie jemand ranwinkt, treten blitzschnell auf die Bremse, halten an, wenn die Leute weitab einer Haltestelle an die Tür klopfen um zuzusteigen. In Berlin könnten sich die Rentner ihren Krückstock an der Tür zerdeppern, die Fahrer würden keine Anstalten machen um aufzumachen. Aber hier funktionert das ganz gut. So mies der Service einerseits mit der Orientierung ist, umso besser ist er jedoch, wenn man mitgenommen werden will.

Dienstag, September 07, 2004

Die ersten 48 Stunden

Soo, jetzt bin ich also gelandet.
Und mit meiner Ankunft hab ich auch schon was ueber das brasilienische Zeitverstaendnis gerlernt. Nein, nein, die sind nicht immer zu spaet dran sondern tatsaechlich auch mal zu frueh. Mein Flug sollte laut Plan um 6.00 Uhr in Rio ankommen, tatsaechlich kam er aber schon um 4.45 Uhr an. Der Varig-Pilot hat da echt auf die Tube gedrueckt und natuerlich waren meine Abholer so frueh noch nicht da. Auf der Anzeigetafel ist mir aufgefallen, dass fast ausnahmslos alle Fluege viel frueher ankamen als geplant - ausser natuerlich der guten deutschen Lufthansa, die es fast auf die Minute puenktlich geschafft hat.

Wenn man abfliegt, dann vergisst man ja auch ganz gern mal was. Kaum zu glauben, ich mache da ueberhaupt keine Ausnahme. Irgendwie muss ich die Geschichte mit der Zeitvorstellung dermassen verinnerlicht haben, dass ich Depp doch glatt eine Uhr vergessen habe. Normalerweise trage ich ja keine Armbanduhren, weil ich zum Zeit ablesen immer mein Handy oder den Pager benutze, dummerweise hab ich diese Dinger aber nicht mitgenommen. Zwar gibts in der Stadt an jeder Strassenecke eine Uhr (haette ich auch nicht gedacht), aber ganz darauf verzichten sowas am Mann zu haben wollte ich auch nicht. Ich hab mir dann am Abend fuer 3 Euro eine garantiert echte schweizer Markenuhr bei einem Strassenhaendler gekauft, mal sehen wie lange die es machen wird.

Die ersten Eindruecke von Rio sind aber ueberwaeltigend. Landschaftlich liegt die Stadt wirklich in einer einmnaligen Landschaft. Malerische Berge und Traumstraende. Jaja, und an die Straende bin ich dann gleich schon am Vormittag gefuehrt worden. Ist auch nicht allzu schwer, weil es in Rio irgendwie nie sehr weit bis zum Strand ist und ich auch direkt an einem wohne. Obwohl der vor der Tuer sehr schoen ist, hat man mich gleich zu den beruehmten Copacabana und Ipanema gebracht. Alle haben gemeinsam, dass sich dort sehr viele Menschen aufhalten, aber eine angenehm entspannte Atmosphaere herrscht. Auf den Wegen ist jede Menge wildes Markttreiben. Man kann sich leckere Kokusnuesse aufschneiden lassen und daraus schluerfen, alle moeglichen gegrillten Sachen holen und selbstverstaenlich auch saemtliche Utensilien fuer den Strandbesuch besorgen. Die Verkaeufer haben eine recht aggressive Art um Kunden zu werben und ich bin da als 'Gringo' (Ortsfremde mit vornehmer Blaesse) ein ganz besonderes Ziel. Muss also noch etwas an meinem Teint arbeiten, mir Flipflops kaufen und freakig bunte T-Shirts holen um vielleicht etwas mehr Ruhe zu haben ;-)

Ich bin bei Luciana (einer AIESECerin) und ihrer Familie untergekommen, die im Stadtteil Flamengo wohnt. Das ist ein relativ junger Stadtteil mit bis zu 20-geschossigen Apartmenthaeusern. Die Strassen sind recht eng, aber durchzogen von Palmen und jeder Menge Pflanzen, die es gemuetlich aussehen lassen. Hier gibts viele kleine Laeden und Restaurants und deswegen sind die Strassen auch bis spaet in die Nacht sehr belebt. Dennoch ist jeder Hauseingang extrem gesichert. Erst ist alles vergittert, dann muss man durch einen kleinen Vorraum und kommt an eine massive Tuer, die vom Wachmann geoeffnet wird und bei dem man sich identifizieren muss. Rio hat eben doch ein groesseres Problem mit Kriminalitaet und die etwas besser situierten Leute schuetzen sich entsprechend. Fuer Autofahrer gilt, dass sie ab Mitternacht nicht mehr die Ampeln beachten brauchen und einfach durchrasen koennen, wenn sie auf Rot stehen. Man sollte es hier auch vermeiden, Geld offen zu zeigen. Also nicht mal an der Bushaltestelle sein Kleingeld oder Geldboerse rauskramen, sondern erst warten, bis man im Bus drin ist und es dann rausholen. Ne Geldboerse am besten ueberhaupt nicht mitnehmen, sondern nur etwas Bargeld oder die Kreditkarte in eine Hostentasche stecken. Man sollte sich besser auch nicht anmerken lassen, dass man fremd in einer Gegend ist. Also nicht den fetten Stadtplan rausholen und suchen, sondern damit lieber in einen Supermarkt oder Restaurant gehen und ihn da studieren. Das sind natuerlich fuer Deutschland sehr ungewoehnliche Sicherheitsmassnahmen, aber ich hab mich ja schon vor der Reise damit abgefunden, dass hier wegen der krassen Unterschiede von arm und reich etwas mehr aufgepasst werden sollte.

Nachdem es gestern recht intensiv mit der Stadtfuehrung losging, habe ich heute mal einen etwas fauleren Tag eingelegt und fast die ganze Zeit am Strand von Ipanema verbracht. Abends gab es an der Uni noch ein Konzert von verschiedenen Studentenbands und so hab ich mal einen sehr genialen ersten Eindruck vom Brazilian Rock bekommen. Irgendwie habe ich mir eingebildet, dass das Publikum hier nicht ganz so traege wie in Konzerten in Berlin waere, aber ich habe mich geirrt. Auch hier stehen die Leute stocksteif in der ersten Reihe und sehen sich ohne jede Reaktion an, wie sich die Musiker abrackern. Und am Ende gibt es auch nur zoegernden Applaus. Komisch, wenn man es so betrachten will, dann haben die Deutschen anscheinend brasilianisches Flair. Oder die Leute sind hier einfach noch in einer Winterletargie ;-) Aber vom Wetter rede ich ein anderes mal...

Freitag, September 03, 2004

Hier gibts bald was...

Ich dachte ja nie, daß ich auch mal zu den Leuten gehören würde, die weblogs betreiben. Ich dachte auch nie, daß es mich mal nach Brasilien verschlagen würde. So ist das immer mit dem NIE ;-)

Jedenfalls werde ich mich hier demnächst über Dinge auslassen, die mir in Rio und anderswo während meiner Zeit in Brasilien widerfahren. Schaut regelmäßig rein, ich versuche euch auch total gute und von geistig höchster Güte verfaßte Meisterwerke zu liefern.