Meine Unterkünfte
Schande über mich, seit dem letzten Post ist es schon eine Weile her. Der eine oder andere fragt sich vielleicht, wo ich denn hier unterkommen. Also ich wohne bei den Familien von AIESECern. In Brasilien ist es absolut üblich, dass Studenten bei ihren Eltern wohnen. Im Grunde ziehen die Kinder nicht aus, bis geheiratet wird oder aus Studien- bzw. Jobgründen die Stadt gewechselt werden muss. Für die Studenten ist das aber alles kein Problem, weil sie zuhause sehr viele Freiheiten und Annehmlichkeiten haben. Offensichtlich ist es Standard ein Dienstmädchen zu haben, was einem die Mahlzeiten kocht, Wäsche erledigt, das Zimmer aufräumt. Eine eigene Wohung zu mieten ist bei der Knappheit in Rio nicht unbedingt günstig also arrangiert man sich hier prima mit der Situation und verspührt nicht unbedingt den Drang nach Unabhängigkeit. Für mich ist die Sache auch sehr cool, denn so bekomme ich wenigstens viel vom Familienleben mit. Ohhh, und diese Familien können gross sein. Aber mehr dazu in einem späteren Kapitel.
Bei Luciana bin ich nur zwei Tage zum eingewöhnen geblieben und wegen Besuch von Bekannten kein Platz mehr in der Wohnung gefunden hat. Also bin ich zu Julia in den Stadtteil Leblon gezogen, das liegt gleich neben Ipanema. Vor 10 Jahren war Ipanema der teuerste Immobilienmarkt der Welt und auf dem Strand treffen sich die reichen und schönen Rios, zusammen mit tausenden Touristen aus aller Welt. Leblon ist eigentlich genauso, nur ohne die vielen Touristen und Hotels, was die Gegend bedeutend gemütlicher macht. Bei Julia, die selbst schon mal ein paar Tage in Deutschland war, sind die Eltern auf einer Reise in den Amazonas gewesen und nach ein paar Umorganisationen konnte ich ein Zimmer haben. Nach deren Rückkehr wurde es leider etwas eng und ich bin zu Elo nach Gávia gezogen.
Gávia liegt widerum gleich neben Leblon und ist auch eine sehr sehr schöne Nachbarschaft, leider ohne eigenen Strand. Dank der Tatsache, dass hier die Studios von GLOBO TV, dem grössten Fernsehsender Brasiliens, liegen, wohnen die Stars und Sternchen aus den berühmten Telenovelas (Seifenopern, die hier unwahrscheinlich verehrt werden) in meiner neuen Nachbarschaft. Dummerweise kenne ich die Novelas oder deren Darsteller nicht, weswegen ich hier nicht fanatisch schreiend durch die Strassen renne, wenn ich die Promis sehe ;-) Cariocas (Einwohner Rios), kratzt es im Grunde auch nicht, wenn sie einem Star begegnen, weil sie einfach alle hier sind und es nichts besonderes darstellt. Ach ja, welch herrliche Paralelle zu der Gleichgültigkeit der Berliner, denen es meist auch wurscht ist, wenn die Promis am Hackeschen Markt gesehen werden wollen.
Mein derzeitiges Apartmenthaus ist sehr edel ausgestattet. Natürlich auch wieder mit riesigen Sicherheitszäunen und zur Abwechslung mal mit aufmerksamem Wachleuten. Es ist für mich nicht immer leicht, das Haus sofort zu betreten und zu Wohnung zu kommen, aber mittlerweile kann ich mich schon ganz gut ausdrücken, bzw. die Leute kennen den blassen Gringo der im Haus wohnt. Ohhh, und hier gibts auch so nette Annehmlichkeiten wie Swimmingpool, Grillplatz, eigene Bar fürs Haus... also ich beschwer mich echt nicht.
Einen knappen Kilometer von meinem Haus entfernt beginnt bereits Rocinha, die grösste Favela (=Slum) Südamerikas. Das ist nicht weiter bedrohlich, denn der krasse Kontrast von Arm und Reich ist in Rio alltäglich und führt zu extremen Kontrasten. Es wird als ganz normal angesehen, wenn die mit Abstand ärmsten Menschen nur ein paar Meter von den Reichen entfernt sind. Hab hier schon sehr viele interessante Sichtweisen über dieses Zusammenleben kennengelernt und werde bald mal mehr darüber schreiben.

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