Am 3. Oktober war nicht nur Tag der deutschen Einheit sondern auch in Brasilien stand ein Grossereignis an: Kommunalwahlen. Okay, vielleicht aus deutscher Sicht nicht sonderlich spektakulär, aber hier wird ein ganz grosses fass deswegen aufgemacht...
Erstmal gibt es wegen der Wahlen unglaublich viele Regeln, die ich so niemals erwartet hätte: (1) Jeder Brasilianer ab 18 Jahren MUSS wählen. Wer nicht hingeht wird registriert und muss mit harten Strafen rechnen. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen von dieser Regel, die Entschuldigungen müssen dann aber auch schon recht gut sein. (2) Pflicht zum Wahlhelfer. Vier mal im Leben hat man die Pflicht, als Wahlhelfer in den Wahllokalen zu arbeiten. Ohne Bezahlung. Wer sich weigert, der wandert hinter Gittern oder muss unangenehm hohe Strafen zahlen... (3) Kein Alkoholverkauf am Wahltag. Ganz recht, weder Supermärkte noch Bars noch Clubs dürfen ab Mitternacht des Wahltags Alkohol verkaufen. So soll sichergestellt werden, dass jeder Wähler nüchtern zur Wahl geht und nicht irgendwelchen Blösinn macht. Betrunken zum Wahllokal zu kommen hat böse Folgen... aber diese Regel kann nicht verhindern dass sich die Leute einen Tag vorher mit Cachaça und anderen Destilaten versorgen und sich die Birne zuknallen. Und am Eingang des Wahllokals steht nicht wirklich ein Alkoholtester...
Interessant war für mich auch, das sämtliche Werbeflächen im Land für Wahlwerbung reserviert sind. Firmen haben nur auf diesen Flächen die Möglichkeit zu werben, die nicht von irgendwelchen Kandidaten gebucht wurden. Und auch wenn damit schon garantiert ist, dass man Wahlwerbung nicht übersehen kann, so sind andere Werbemassnahmen auch extrem kreativ. Okay, T-Shirts und Bascaps zu verschenken ist nicht neu, aber an jeder Kreuzung stehen Leute, die Fahnen mit Wahlwerbung schwingen. Und mobile Plakate gibt es auch Unmengen, und neben jedem Plakat sitzt jemand um aufzupassen, dass der Wind es nicht auf die Strasse weht. Okay, so ein Personaleinsatz ist vielleicht wirklich nur möglich, wenn der Mindestlohn bei knapp 1 Euro am Tag liegt... ohh, und jeder Kandidat hat seinen eigenen Song. Und in der ganzen Stadt fahren Minibusse mit grossen Soundanlagen drauf umher um die Strassen mit den Songs zu beschallen. Viele von denen klingen echt gut und sie sind absolut nicht nervig. Ein paar vonen denen haben es geschafft, dass sie tagelang nicht aus meinem Kopf gehen wollten, grmpf!
Am Wahltag schliesslich geht es mit High-Tech zur Sache. Abgestimmt wird nicht mit altmodischem Kreuz sondern elektronisch. Dabei hat der Kandidat für den Posten des Bürgermeisters eine 2-stellige Zahl und der Kandidat des Stadtparlaments eine 5-stellige Zahl. Die muss jeder Wähler im Lokal an eine Wahlmaschine wie beim Telefon eingeben. Dann erscheint auf einem Bildschirm ein Bild des Kandidaten und sein Name. Ist man mit der Wahl einverstanden, drückt man auf Bestätigen und die Wahl ist erledigt. Coole Sache, geht unglaublich schnell, die Auszählung ist eine Sache von Sekunden und auch für die vielen Analphabeten ist das eine faire Sache. Und das System wird im ganzen Land angewendet, selbst im hinteren Amazonas. Wer hätte soviel Fortschritt von Brasilien erwartet?
In Rio hat übrigens Cesar Maia das Rennen um den Bürgermeister gemacht. Er war auch bisher schon das Stadtoberhaupt und sieht ein bisschen wie Richard Nixon aus. Auf Plakaten kommt er absolut unsympatisch und unvorteilhaft rüber, aber er ist ein Profi in der Politik. Seine Mimik und Gestik bei Fernsehübertragungen ist faszinierend gekonnt und ausgeklügelt. Bisher hat seine Politik nicht sonderlich viel gebracht, aber die Leute sind schon beruhigt, wenn nichts gravierendes verpfuscht wird.
Die Wahlen hier zu verfolgen war mich mal so richtig interessant. Hier wird sehr viel getan um die Aufmerksam der Leute zu bekommen. Leider gings bei diesem Wahlkampf kein bisschen um politische Inhalte sondern nur sehr viel um Effekte und persönliche Beleidigungen. Als ich zusammen mit ein paar Leuten hier die grosse Kandidatendebatte gesehen hab, hat es jede Comedy-Show um Strecken geschlagen und wir haben lauthals gelacht. Und wenn mein Portugiesisch besser gewesen wäre, hätte ich bestimmt heute noch vor lachen Schmerzen...