Sonntag, Oktober 24, 2004

Rios grösste Gefahr: Flipflops!

Erinnert ihr euch noch an den letzten Sommer? Da sind auf einmal alle mit diesen Flipflops rumgelaufen. Ich hab damals schon nicht verstanden, wie die Leute mit diesen Pseudo-Sandalen rumlaufen konnten, weil sie in ihrer einfachen Konstruktion nicht wirklich danach aussehen, dass sie bequem sind. Wie auch immer, in Rio sind sie Standard-Schuhwerk. Wer ohne sie an den Strand kommt, der outet sich als Gringo... oder noch schlimmer: Paulista (jemand, der aus São Paulo kommt). Okay, ich gehe eh nicht als waschechter Carioca durch, also was soll da die Verkleidung? Sechs Wochen habe ich mich Hohn und Spott ausgesetzt, wie ich es wagen könnte nur meine Sportschuhe zu tragen. Diese Woche habe ich mich letztlich doch zum Kauf dieser Sandalen entschieden. Die bekanntesten Marken sind Hawaiianas und Ipanemas und sie sind für ungefähr 3 Euro zu haben. Meine ersten Laufversuche haben sich heute aber zu einer unglaublich schrecklichen und schmerzhaften Odyssee entwickelt. Diese kleine Plastikhalterung vorne bohrt sich immer so richtig schön zwischen meine Zehen. Ich weiss nicht, ob ich die Gewöhnungsphase mitmachen soll... vielleicht bildet sich ja bald eine kleine Hornhaut zwischen den Zehen, die die elenden Dinger tragbar machen? Keine Ahnung, ich versuche es vielleicht noch ein paar Tage damit (kurze Strecken, nur bis zum Pool), aber mein erstes Urteil über diese brasilianischen Originale kann schlimmer gar nicht ausfallen. Und die Unfallgefahr ist auch nicht zu verachten. In den letzten Tagen haben Leute um mich herum schon Zehennägel verloren und ihre Füsse verknackst - tolle Erfindung.

PS: Ich weiss, einige von euch lieben Flipflops. Wenn ihr bei oben genannten Preis ganz grosse Augen bekommen habt, dann richtet eure Importwünsche bitte an mich.

Freitag, Oktober 22, 2004

Chihuahua Cariocas

Hab ich euch schon mal erzaehlt, dass ich hier mit zwei Chihuahuas in einem Aparment lebe? Nur zur Info für alle nicht so ganz damit anfangen können: Chihuahuas sind diese kleinen Hunde mit riesigen Augen und Ohren, die den ganzen Tag zittern und rumflitzen. Arne und Hunde... da war doch was? Ganz genau, ich bin allergisch gegen des Menschen besten Freund. Einige Stunden in ihrer Nähe und ich kann mir ne Windel vor die Nase packen, weil das Wasser unkontrollierbar aus der Nase rinnt. Und ich kann dann auch kein normales Gespräch mehr führen, weil jeder Satz durch eine herzhafte Niesattacke unterbrochen wird.
Wie dem auch sei, dieses Schicksal habe ich hier nicht! Mir gehts prima, ich führe ein ganz normales Leben! Wenn ich mal krank bin, dann wegen der elenden Klimaanlagen in den Bussen, aber nicht wegen der HUNDE! Interessant... oder sollten die Chihuahua-Hasser mit ihrer Ratten-Theorie doch recht haben?

Donnerstag, Oktober 07, 2004

Endlich reisen!

Nicht, dass ich annähernd alles von Rio bisher gesehen hätte, aber irgendwie ist es auch mal ganz schön andere Teile Brasiliens kennenzulernen. Also bin ich in der nächsten Zeit etwas öfter unterwegs. Am Anfang der Woche war ich in Juiz de Fora, dieses Wochenende gehts nach Salvador, eine Woche später nach Vitória und dann zwei Wochen später nach São Paulo. Bin deswegen nur beschränkt erreichbar, aber ich freue mich immer, wenn ich was von euch höre. Und Reiseberichte kommen dann auch so schnell wie möglich :-)
In ein paar Stunden gehts auf nach Salvador... ein 24-Stunden Trip mit dem Bus. Nach einer Busfahrt nach Spanien hab ich mir zwar geschworen, dass ich sowas nie wieder mache, aber die Busse sind hier deutlich bequemer als in Deutschland und es gibt sogar Bordservice. Also probier ich es nochmal. AEEEEE!

Das Land wählt

Am 3. Oktober war nicht nur Tag der deutschen Einheit sondern auch in Brasilien stand ein Grossereignis an: Kommunalwahlen. Okay, vielleicht aus deutscher Sicht nicht sonderlich spektakulär, aber hier wird ein ganz grosses fass deswegen aufgemacht...
Erstmal gibt es wegen der Wahlen unglaublich viele Regeln, die ich so niemals erwartet hätte: (1) Jeder Brasilianer ab 18 Jahren MUSS wählen. Wer nicht hingeht wird registriert und muss mit harten Strafen rechnen. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen von dieser Regel, die Entschuldigungen müssen dann aber auch schon recht gut sein. (2) Pflicht zum Wahlhelfer. Vier mal im Leben hat man die Pflicht, als Wahlhelfer in den Wahllokalen zu arbeiten. Ohne Bezahlung. Wer sich weigert, der wandert hinter Gittern oder muss unangenehm hohe Strafen zahlen... (3) Kein Alkoholverkauf am Wahltag. Ganz recht, weder Supermärkte noch Bars noch Clubs dürfen ab Mitternacht des Wahltags Alkohol verkaufen. So soll sichergestellt werden, dass jeder Wähler nüchtern zur Wahl geht und nicht irgendwelchen Blösinn macht. Betrunken zum Wahllokal zu kommen hat böse Folgen... aber diese Regel kann nicht verhindern dass sich die Leute einen Tag vorher mit Cachaça und anderen Destilaten versorgen und sich die Birne zuknallen. Und am Eingang des Wahllokals steht nicht wirklich ein Alkoholtester...

Interessant war für mich auch, das sämtliche Werbeflächen im Land für Wahlwerbung reserviert sind. Firmen haben nur auf diesen Flächen die Möglichkeit zu werben, die nicht von irgendwelchen Kandidaten gebucht wurden. Und auch wenn damit schon garantiert ist, dass man Wahlwerbung nicht übersehen kann, so sind andere Werbemassnahmen auch extrem kreativ. Okay, T-Shirts und Bascaps zu verschenken ist nicht neu, aber an jeder Kreuzung stehen Leute, die Fahnen mit Wahlwerbung schwingen. Und mobile Plakate gibt es auch Unmengen, und neben jedem Plakat sitzt jemand um aufzupassen, dass der Wind es nicht auf die Strasse weht. Okay, so ein Personaleinsatz ist vielleicht wirklich nur möglich, wenn der Mindestlohn bei knapp 1 Euro am Tag liegt... ohh, und jeder Kandidat hat seinen eigenen Song. Und in der ganzen Stadt fahren Minibusse mit grossen Soundanlagen drauf umher um die Strassen mit den Songs zu beschallen. Viele von denen klingen echt gut und sie sind absolut nicht nervig. Ein paar vonen denen haben es geschafft, dass sie tagelang nicht aus meinem Kopf gehen wollten, grmpf!

Am Wahltag schliesslich geht es mit High-Tech zur Sache. Abgestimmt wird nicht mit altmodischem Kreuz sondern elektronisch. Dabei hat der Kandidat für den Posten des Bürgermeisters eine 2-stellige Zahl und der Kandidat des Stadtparlaments eine 5-stellige Zahl. Die muss jeder Wähler im Lokal an eine Wahlmaschine wie beim Telefon eingeben. Dann erscheint auf einem Bildschirm ein Bild des Kandidaten und sein Name. Ist man mit der Wahl einverstanden, drückt man auf Bestätigen und die Wahl ist erledigt. Coole Sache, geht unglaublich schnell, die Auszählung ist eine Sache von Sekunden und auch für die vielen Analphabeten ist das eine faire Sache. Und das System wird im ganzen Land angewendet, selbst im hinteren Amazonas. Wer hätte soviel Fortschritt von Brasilien erwartet?

In Rio hat übrigens Cesar Maia das Rennen um den Bürgermeister gemacht. Er war auch bisher schon das Stadtoberhaupt und sieht ein bisschen wie Richard Nixon aus. Auf Plakaten kommt er absolut unsympatisch und unvorteilhaft rüber, aber er ist ein Profi in der Politik. Seine Mimik und Gestik bei Fernsehübertragungen ist faszinierend gekonnt und ausgeklügelt. Bisher hat seine Politik nicht sonderlich viel gebracht, aber die Leute sind schon beruhigt, wenn nichts gravierendes verpfuscht wird.

Die Wahlen hier zu verfolgen war mich mal so richtig interessant. Hier wird sehr viel getan um die Aufmerksam der Leute zu bekommen. Leider gings bei diesem Wahlkampf kein bisschen um politische Inhalte sondern nur sehr viel um Effekte und persönliche Beleidigungen. Als ich zusammen mit ein paar Leuten hier die grosse Kandidatendebatte gesehen hab, hat es jede Comedy-Show um Strecken geschlagen und wir haben lauthals gelacht. Und wenn mein Portugiesisch besser gewesen wäre, hätte ich bestimmt heute noch vor lachen Schmerzen...