Samstag, Februar 19, 2005

Live dabei

Der Karneval ist überstanden. Zum Finale des ganzen war ich letzten Sonnabend im Sambódromo, wo sich die besten 6 Sambaschulen mit ihrer Show noch einmal präsentiert haben. Woowww, ich muss gestehen, daß es echt der Hammer war. Jaja, im Fernsehen und auf Bildern sieht es ja immer schon ganz nett aus, aber erstmal live an der Parade zu sein haut alles um! Der Eindruck ist vielleicht vergleichbar mit Stadionatmospäre oder Live-Konzerten, die wirken im Fernsehen ja auch immer anders als wenn man mittendrin ist.
Gut, für schweren Herzens ausgegebene R$100 (29 Euro), habe ich einen Platz auf den Arquibancadas gehabt, was sowas wie Betontreppen sind, auf denen man aber auch sitzen kann. War nicht allzuweit von der Parade weg, wenn es "Kamelle Kamelle" gegeben hätte, wären sie bis zu mir aber nicht mehr gekommen. Hat aber trotzdem für gute Photos gereicht. Die Parade selbst war eine Flut aus Farben und Effekten. Und wer die Brasilianer für faul hält, der wird hier definitiv eines besseren belehrt. Der Aufwand mit den Wagen, den Kostümen und auch den Choregrafien ist beachtlich und man sieht, dass Leute da unfassbar viel Zeit und Energie reingesteckt haben, um alles auf die Beine zu stellen.

Die Show ging dann geschlagene 7 Stunden, einige Zuschauer haben schon nach der Hälfte der Zeit die Segel gestrichen und sind nach hause gegangen oder einfach eingeschlafen. Ich hab es aber ganz gut ausgehalten und ehrlich gesagt ist mir auch schleierhaft, wie man bei dem Krach schlafen kann. Jede Sambaschule hat nämlich erstmal mit einem beachtlichen Feuerwerk angefangen, dann wurde die Hymne der Schule richtig schon laut aufgedreht und für eine gute Stunde ununterbrochen gespielt. Eigentlich kann man da gar nicht sitzenbleiben oder gar pennen!

Sooo, und jetzt zur meist gestellten Frage aus der Zuschauerpost. Ich habe nicht (soviele) Bilder von den nackten Tänzerinnen gemacht, weil schlicht und ergreifend nicht soviele da waren. Unerhört! Warum sieht man dann auf den Karnevalsbildern aus Rio immer nackte Haut??? Was für ein Beschiss am Touristen, der nen wandelnden Playboy erwartet! Ruhig, ruhig, natürlich gibt es beim Karneval viele Kostüme, die sehr freizügig geschnitten sind. Die prämierten Sambaschulen haben sich damit aber zurückgehalten, die anderen hatten durchaus auf sex-sells gesetzt, waren aber dummerweise an diesem Abend nicht mehr dabei. Sich offen bei der Karnevalsparade zu präsentieren gilt immer noch als möglicher Karriereweg ins Modelbusiness oder zumindest in die "Erwachsenenunterhaltung". Wer als Beauty also Interesse hat, der muss der Sambaschule erstmal einen stolzen Geldbetrag zukommenlassen um sich einen Platz auf /neben dem Wagen und das Kostüm zu erkaufen. Böse Mäuler reden auch von einer "Besetzungscouch", die im Vorfeld als Casting erstmal besucht werden muss. Naja, jedenfalls schaffen es dann doch einige Mädels von der Parade in den Playboy und kommen zu Ruhm. Fragt mal einen Brasilianer, erst werden sie sagen, "Neiiiiin, soviele sind es gar nicht", danach werden sie aber mindestens 20 Namen runterbeten, die es doch in den letzten Jahren geschafft haben.

Wie auch immer, Karneval war ne schöne Zeit hier. Aber Samba hängt mir jetzt echt zum Hals raus! Ich kann es nicht mehr hören. Glücklicherweise hat Brasilien aber eine so große Vielfalt an unterschiedlichen Musikrichtungen, daß ich auch gar nicht in die Verlegenheit komme, dem Samba irgendwie in der nächsten Zeit wieder zu begegnen :-D

Samstag, Februar 05, 2005

Carnavaaaaaaaaaal!!!

So, jetzt hat er nun endlich richtig angefangen, der Karneval in Rio. Eigentlich merkt man es schon in seit den letzten drei Wochen, dass das Ereignis des Jahres in dieser Stadt immer näher rückt. Nahezu jeden Tag war irgendwo in der Stadt eine kleine Sambaparade, ein sogenannter Bloco. Blocos sind eine witzige Sache, weil sie sich aus Leuten zusammensetzen, die sich irgendwie gefunden haben um zusammen Musik zu machen und zu tanzen. Das können Nachbarn aus einem Bezirk sein, Berufsgruppen, Studenten, Schwule und Lesben... ja, die Auswahl ist riesengross. Manchmal sind diese Blocos auch schon sehr lange dabei und traditionell. Stars in der Stadt sind zum Beispiel eine Gruppe älterer Herren, die sich vor 50 Jahren das erste mal zu einem Bloco zusammengetan haben uns seit dem in fast vollständiger Besetzung immer den Karneval in Ipanema feiern. Bei jedem Bloco immer dabei: Ein Truck mit fetter Soundanlage, junge Menschen die drauf rumtanzen und Leute, die Musik spielen. Jaaaaa, meistens ist die Musik live! Ein echt guter Sound. Und dann kommen noch ein paar Leute von der Seite mit einer Trommel an, oder Pandeiro, oder Coladosen... und dann wird der Sound noch genialer. Dann laufen die T-Shirt Verkäufer mit und unzählige wilde Verkäufer mit Kühlkisten voller Bier. Und hinter denen laufen die Leute, die die Bierbüchsen wieder einsammeln um sich damit etwas Geld dazu zu verdienen.

Je länger man bei einem Bloco mitläuft, desto feuchter wirds unter den Füssen. Neeeee, kein Fussschweiss vom tanzen! Schau mal ein paar Beiträge höher, hier läuft man in Strandlatschen rum! Was da trotz trockenem Wetters die Strassen dezent befeuchtet ist nichts anderes als das Resultat ununterbrochenen Bierkonsums. Liebe Leute, wer irgendwie an die belebende Wirkung von Urin glaubt, der kann hier zumindest mit der Natursekt-Kneipp-Kur beginnen :-D
Ungelogen, nach guten zwei Stunden hält es etliche Leute nicht mehr und dann wird die Blase geleert. Gut gut gut, es sind nur die Herren, die das machen. Ihr könnt also eure hohe Meinung über die brasilianischen Mädchen behalten. Jedenfalls wird in noch nicht komplettem Zustand der Besoffenheit zur Mauer gewandt gepisst, aber wenn dann doch die Unzurechenbarkeit eingetreten ist, dann Richtung Parade. Halleluja! Love Parade lässt grüssen.

Aber was solls, Strassenkarneval macht hier trotzdem Spass, allein schon wegen der guten Musik und der gutgelaunten Leuten, die auf würdevolle Art und Weise besoffen sind (von oberen Absatz mal abgesehen). Die grossen farbenfrohen Paraden, wo die Sambaschulen die Arbeit von einem Jahr zeigen, sind eine andere Sache. Dafür muss man ins Sambódromo fahren und richtig viel Eintritt bezahlen. Ich gehe am 12. Februar hin, also schon nach dem Karneval aber zum grossen Höhepunkt, wo die ausgezeichneten Sambaschulen nochmal auftreten. Der Stehplatz kostet 100 R$, was ungefähr 30 Euro sind. Okay, in Europa kennen wir noch ganz andere Preise, aber hier ist das verdammt teuer. Zum Vergleich, der Konzertbesuch einer bekannten brasilianschen Band kostet um die 5 Euro. Also ist das Sambódromo eher was für Touristen und von denen wimmelt es gerade hier wie noch nie. Ja, jetzt kann man sich wieder auf englisch mit den Leuten auf der Strasse unterhalten...

Was mich aber besonders froh macht hier zu sein ist die Tasache, nicht einmal bisher ein Bild vom deutschen Schunkelkarneval gesehen zu haben. Ohhhh, und ich rechne ganz fest damit, dass mir auch Bilder von den Paraden in Köln (Kamelle, Kamelle) und Düsseldorf erspart bleiben. Dahingegen ist das alles hier in Rio auch gut für die Vorfreude auf den Berliner Karneval der Kulturen im Mai... der kann im Vergleich zu den Sachen hier locker mithalten.