Das letzte Stück der Schande
Das interessante an längeren Auslandsaufenthalten ist, dass man im Gegensatz zum Touristen mehr Zeit hat um Land und Leute kennenzulernen. Zwei Monate bin ich nun schon in Brasilien, habe viele viele Leute kennengelernt und auch schon ein bisschen vom Land gesehen. Zuerst sind mir natürlich die grossen Unterschiede aufgefallen, doch so langsam bin ich an dem Punkt, wo mir die kleinen alltäglichen Eigenarten auffallen.
Keine Ahnung ob das jetzt unbedingt etwas herausragend brasilianisches ist, aber mir ist folgendes woanders noch nie in solchem Masse aufgefallen: das letzte Stück der Schande. Hier wird im Prinzip alles geteilt wenn man isst, ob es zuhause oder in Restaurants ist. Es ist z.B. ganz normal, dass man Platten für sieben oder mehr Personen bestellt. Wenn dann alles aufgegessen ist, dann bleibt aber IMMER ein klitzekleines Stück vom Essen übrig. Das ist nicht genug um es vielleicht einzupacken, aber im Grunde auch zu schade, es wegzumscheissen. Nur, niemand erbarmt sich das letzte Stück zu essen. Wenn beim Grillen die Steaks in kleine Häppchen geschnitten werden, damit sich jeder davon bedienen kann, dann bleibt auch immer ein Stück übrig. Wenn die Kekspackung die Runde macht... genau, dann bleibt genau ein Keks übrig. Das ist bei allen essbaren und teilbaren Dingen so. Okay, wir Gringos greifen dann mal nach einer Zeit zu um das Elend zu beenden, aber die Brasilianer machen das partout nicht. Hmm... was hat es damit nur auf sich, mit dem letzten Stück der Schande? Warum ist es so unbegehrt?
Eine Woche habe ich jetzt schon meine Spässe mit den Leuten deswegen getrieben, heute habe ich das Geheimnis ihres Verhaltens erfahren: Nach einem brasilianischen Sprichwort wird derjenige, der das letzte Stück isst, als erster heiraten. NEIN, wie schrecklich!!! Kann es etwas schlimmeres geben?!? Hütet euch vor diesem schweren Schlag und meidet das letzte Stück!!!
Also irgendwie finde ich diese Eigenart sehr witzig, andererseits finde ich es aber auch sehr schön die Teller leer zu futtern und sich danach über die Töpfe und Pfannen herzumachen, um die letzten Reste auszukratzen.
Danke nach Dresden fuer das Feedback: Natuerlich haben wir in Deutschland auch ein Ding namens Anstandshappen, aber mir ist noch nie so richtig aufgefallen, dass die Leute wirklich immer so extrem anstaendig sind ;-)
