Donnerstag, November 11, 2004

Das letzte Stück der Schande

Das interessante an längeren Auslandsaufenthalten ist, dass man im Gegensatz zum Touristen mehr Zeit hat um Land und Leute kennenzulernen. Zwei Monate bin ich nun schon in Brasilien, habe viele viele Leute kennengelernt und auch schon ein bisschen vom Land gesehen. Zuerst sind mir natürlich die grossen Unterschiede aufgefallen, doch so langsam bin ich an dem Punkt, wo mir die kleinen alltäglichen Eigenarten auffallen.

Keine Ahnung ob das jetzt unbedingt etwas herausragend brasilianisches ist, aber mir ist folgendes woanders noch nie in solchem Masse aufgefallen: das letzte Stück der Schande. Hier wird im Prinzip alles geteilt wenn man isst, ob es zuhause oder in Restaurants ist. Es ist z.B. ganz normal, dass man Platten für sieben oder mehr Personen bestellt. Wenn dann alles aufgegessen ist, dann bleibt aber IMMER ein klitzekleines Stück vom Essen übrig. Das ist nicht genug um es vielleicht einzupacken, aber im Grunde auch zu schade, es wegzumscheissen. Nur, niemand erbarmt sich das letzte Stück zu essen. Wenn beim Grillen die Steaks in kleine Häppchen geschnitten werden, damit sich jeder davon bedienen kann, dann bleibt auch immer ein Stück übrig. Wenn die Kekspackung die Runde macht... genau, dann bleibt genau ein Keks übrig. Das ist bei allen essbaren und teilbaren Dingen so. Okay, wir Gringos greifen dann mal nach einer Zeit zu um das Elend zu beenden, aber die Brasilianer machen das partout nicht. Hmm... was hat es damit nur auf sich, mit dem letzten Stück der Schande? Warum ist es so unbegehrt?

Eine Woche habe ich jetzt schon meine Spässe mit den Leuten deswegen getrieben, heute habe ich das Geheimnis ihres Verhaltens erfahren: Nach einem brasilianischen Sprichwort wird derjenige, der das letzte Stück isst, als erster heiraten. NEIN, wie schrecklich!!! Kann es etwas schlimmeres geben?!? Hütet euch vor diesem schweren Schlag und meidet das letzte Stück!!!

Also irgendwie finde ich diese Eigenart sehr witzig, andererseits finde ich es aber auch sehr schön die Teller leer zu futtern und sich danach über die Töpfe und Pfannen herzumachen, um die letzten Reste auszukratzen.

Danke nach Dresden fuer das Feedback: Natuerlich haben wir in Deutschland auch ein Ding namens Anstandshappen, aber mir ist noch nie so richtig aufgefallen, dass die Leute wirklich immer so extrem anstaendig sind ;-)

Dienstag, November 09, 2004

Im Dschungel

Leute, ich wohne jetzt im Dschungel! Nein, ich bin nicht vollends über die neueste Staffel von RTL´s lächerlichen Promi-Show informiert und ich hab glücklicherweise auch sonst nix weiter damit zu tun... sondern ich habe ein neues zuhause in Rio. Weil Elô mit ihrer Familie mal mitten im laufenden Semester für zwei Wochen nach China geflogen ist, war ein Wohungswechsel nötig und der ist gar nicht so schlecht :-)

Ich bin vom Apartment im Promi-Gavea jetzt in einem Haus (a Casa!) bei Caio im Stadtteil São Conrado untergekommen. Wenn ihr mal Bilder von Rio gesehen habt, dann sind euch bestimmt jede Menge Berge aufgefallen. Jaaa, und auf einem dieser Berge liegt das Haus. Hier zu wohnen hat den Vorteil, dass der Ausblick nicht schlecht ist, es im Sommer mindestens 5 Grad kühler als im Rest der Stadt ist und dass man seine Ruhe und Sicherheit vom Städtetreiben hat. Oh ja, und man ist eben umgeben von unglaublich viel Grün. Wie im Dschungel. Um die Atmosphäre perfekt zu machen, springen ab und zu mal ein paar kleine Affen vorbei, die Vögel zwitschern, Schlangen solls wohl auch geben und ich hab auch was von Aligatoren gehört. Okay, letztere hat seit 10 Jahren niemand mehr frei rumlaufend in Rio gesehen. Es ist also echt angenehm hier oben, das einzig unangenehme ist der Aufstieg. Von der Bushaltestelle bis nach oben vergehen gut 15 Minuten zu Fuss und ich komm dabei gut ins Schwitzen. Okay, ich könnte mir ein Taxi nehmen (was hier nicht sehr teuer ist), aber die paar Schritte schaden mir wohl nichts.

São Conrado ist im übrigen auch wieder ein Beispiel für den krassen Kontrast von Arm und Reich in Rio. Um hierher zu kommen, muss man an Rocinha vorbei, der grössten Favela Südamerikas. Die Armut der Leute dort wird einem jeden Tag vor Augen gehalten. Und ein paar Meter daneben stehen die teuersten Apartments in Rio, wo sich Manager und Poltiker niederlassen. Rios Bürgermeister wohnt unter anderem in São Conrado. Am Strand treffen dann die Wohlhabenden Leute und die Bewohner aus Rocinha zusammen. Der Strand ist wunderschön und er gilt zudem als sehr sicher. Man könnte meinen, dass es bei einem derartigen Aufeinandertreffen von sozialen Unterschieden schon zu einigen Spannungen kommen könnte, aber das ist absolut nicht der Fall. Die meisten Leute aus den Favelas sind ja keine schlechten Menschen, nur weil sie nicht genug Geld haben. Und die schwarzen Schafe suchen sich lieber andere Strände aus, wo sie nicht die Leute aus der eigenen Favela bestehlen sondern lieber Touristen.

Alles in allem habe ich also wieder ein sehr interessantes neues Heim gefunden und ich freue mich darauf, ein paar Tage mit Caio und seinem Bruder hier zu wohnen.